Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes/Jugendalters
 Universitätsmedizin Leipzig

Störungen der emotionalen Entwicklung mit Auswirkung im Sozialverhalten

Störungen des Sozialverhaltens bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Wenn es sich um diese Art der Störung handelt, sind Eltern, Pädagogen, Psychologen und Mediziner gleichermaßen gefragt, ihren Beitrag zur Veränderung und Normalisierung des Verhaltens und damit einer möglichst störungsarmen Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zu leisten.
Störung des Sozialverhaltens ist nicht ein Verhalten, das Eltern, Erzieher oder Lehrer oder auch Gleichaltrige stört, sondern ein Verhalten, das für den Betreffenden selbst zum Entwicklungsrisiko bzw. sogar zum Entwicklungshindernis wird.

Heute geht man davon aus, dass mindestens 15 % aller Kinder im Laufe ihrer Entwicklung Verhaltensstörungen ausbilden, also nicht nur vorübergehende auffällige Verhaltensweisen, sondern eine Symptomatik mit Krankheitswertigkeit. Jungen zeigen dabei im allgemeinen ausagierende, aggressive Verhaltensweisen (so genannte externalisierende Störungen), während Mädchen vor allem nicht aggressive Erscheinungsformen dissozialer Verhaltensweisen an den Tag legen.

Häufig finden wir eine sogenannte Komorbidität bestimmter Störungen. Wir finden also weitere Störungen, die mit der Störung des Sozialverhaltens vergesellschaftet sind, wie z. B. Angststörungen, Depressionen.

Es ist wichtig, die Störungen des Sozialverhaltens vor dem Hintergrund des Entwicklungsgeschehens zu sehen, das ja beim Kind und Jugendlichen noch besonders rasch von statten geht und eine große individuelle Spielbreite aufweist.

Gängige Klassifikationssysteme (DSM-IV, ICD-10) kennzeichnen Störungen des Sozialverhaltens dadurch, dass es ein durchgängiges Verhaltensmuster gibt, welche durch Verstöße gegen soziale Normen und Regeln gekennzeichnet ist und gleichzeitig die grundlegenden Rechte anderer einschränkt.

Es werden 4 Kategoriengruppen unterschieden:

  • aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Tieren,
  • Zerstörung von Eigentum,
  • Diebstahl und Betrug,
  • schwere Regelverstöße.

Es werden zwei Untergruppen unterschieden, einmal der Typ mit Beginn in der Kindheit, bei dem die ersten charakteristischen Verhaltensweisen bereits vor dem 10. Lebensjahr auftreten und der Typ mit Beginn in der Adoleszenz, bei dem erst nach dem 10. Lebensjahr die ersten charakteristischen Verhaltensweisen auftreten und bei dem es häufiger zu Rückbildungen bis hin zum Erwachsenenalter kommt, während der erste Typ sich meist im Erwachsenenalter als eine so genannte Antisoziale Persönlichkeitsstörung ausprägt.

Es erfolgt weiterhin eine Unterteilung in leichten, mittleren und schweren Grad sozialer Störungen, wobei das Ausmaß der Schädigung anderer berücksichtigt wird.

Von einer leichten Störung des Sozialverhaltens sprechen wir, wenn sich der Schaden auf nicht invasive Verhaltensweisen, wie Lügen, Schule schwänzen, von zu Hause weg bleiben ohne Erlaubnis, beschränkt.

Eine mittlere Störung des Sozialverhaltens führt zur Schädigung anderer, ohne direkte Konfrontation mit dem Opfer, z. B. Stehlen ohne Konfrontation, Vandalismus. Eine schwere Störung des Sozialverhaltens schließt erheblichen Schaden anderer ein (Benutzen von Waffen, körperliche Grausamkeit, Einbrüche, Stehlen mit Konfrontation, erzwungene sexuelle Handlungen).

Störungen des Sozialverhaltens können einerseits durch prädisponierende Faktoren und einwirkende Risiken heraufbeschworen, aufrechterhalten und erschwert werden. Hier finden wir als Faktoren, die in der Person selbst verankert sind (internal) und auf den Einfluss vorausgehender Entwicklungseinflüsse hinweisen wie kognitive Unruhe, asynchrone Entwicklungen, aber auch angeborene Verhaltensdispositionen wie Geschlecht, hormonelle Einflüsse und genetische Veranlagungen.

Dem gegenüber stehen prädisponierende Faktoren, die sich aus der personellen und institutionellen Interaktionen (external) ergeben, wie Peer-Anerkennung für Risikoverhalten, elterliches Risikoverhalten, aber auch ungünstige Erfahrungen mit der Institution Schule und ungünstige familiäre Lebensbedingungen. Hingegen sind schützende Faktoren im Hinblick auf Sozialverhalten im internalen Bereich solche wie eine gute dispositionelle Ausstattung, wie Ausgeglichenheit, gutes Selbstwertgefühl, eine angemessene Leistungsorientierung und eine Orientierung an religiösen Normen und Autoritäten. Im personellen Umfeld (external) ist auf die intakte Familie, die sichere Bindung an eine Bezugsperson und angemessene elterliche Kontrolle der kindlichen und jugendlichen Aktivitäten und Sozialbeziehungen ebenso wie auf positive Beziehungen zu Gleichaltrigen, welche Risikoverhalten ablehnen, zu verweisen.

An obiger Abbildung können wir deutlich erkennen, dass das mittlere Auftretensalter der SOT deutlich früher ist, als das der Störung des Sozialverhaltens. Eine Störung, die bereits mit Beginn des Lebens, auf alle Fälle aber vor dem vollendeten 6. Lebensjahr sich manifestiert und ebenfalls mit einem gestörten Sozialverhalten einhergeht, ist das ADS oder ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung oder die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, die in der ICD-10 unter "Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens" klassifiziert wird.

Die Diagnostik von Störungen des Sozialverhaltens ist nicht einfach und muss neben der gründlichen Untersuchung der kindlichen Persönlichkeit, ihrem Leistungs- und Sozialverhalten in verschiedenen sozialen Settings auch die Diagnostik des familiären und institutionellen (Kindergarten, Schule) Umfeldes mit einbeziehen.

Die Therapie besteht meist aus unterschiedlichen Bausteinen, die der Schwere des Krankheitsbildes entsprechend verabreicht werden. Im Vordergrund stehen Training des Sozialverhaltens, Elternberatung und Elterntraining, Training des Sozialverhaltens des Patienten, unterstützt durch komplementäre Therapien und gegebenenfalls Pharmakotherapie.

Wichtig ist die Zusammenarbeit mit all jenen Berufen, die an der Förderung der Entwicklung des Kindes beteiligt sind, also Erziehern in Kindertagesstätten, Lehrern, Ausbildern und nicht zuletzt dem Elternhaus und in vielen Fällen auch des Jugendamtes. Hierzu ist eine gute interdisziplinäre Absprache und Zusammenarbeit zum Wohle des Kindes unerlässlich.

Vom angebotenen Setting der Klinik her arbeiten wir sowohl mit ambulanten Angeboten über tagesklinische und stationäre Therapie bis hin zur geschlossenen Unterbringung für einen umschriebenen Zeitraum und einen umschriebenen Patienenkreis.

 
Letzte Änderung: 10.11.2009, 14:56 Uhr
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